10 Aug

In Tracht für Europa: Das „Folkowisko“ in Gorajec

Marcin Piotrowski mit der ungarischen Folk-Punk-Band Bohemian Betyars auf dem Folkowisko 2015 (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Kurz vor Mitternacht ruft Marcin Piotrowski, 33-jähriger Familienvater und einer der Mitbegründer des Folkfestivals Folkowisko mit einem Megafon zur Polonaise auf. Hunderte Menschen finden sich spontan in Paaren zusammen, um gemeinsam eine komplizierte Choreografie zu tanzen. Hier hat die Polonaise nichts mit der germanisierten Karnevalsversion von Gottlieb Wendehals gemein. Viele Teilnehmer tragen Blusen, Hemden, Westen und Kleider, wie sie vor hundert Jahren bei der hiesigen Landbevölkerung üblich waren. Nach Abschluss der Zeremonie mit ihren vielen Paraden, Reihen, Kreisen und Brücken stimmt Marcin noch einmal ein schallendes „Hip Hip“ an und die Menge wird ihm dreimal mit „Hurra“ antworten. Danach wird es langsam ruhig auf den Wiesen rund um den „Chutor Gorajec“. Kleine Gruppen sitzen noch bis zum frühen Morgen um Feuerstellen und singen Volkslieder, vor allem auf polnisch und ukrainisch, aber auch auf jiddisch, russisch oder englisch. Manchmal wird die Ruhe durch einen Knall der Selbstschussanlage gegen Wildschweine gestört, aber die fast vollkommene Dunkelheit dieser Sternennacht verschlingt jede mögliche Aufregung bereits in der darauf folgenden Sekunde. Gorajec liegt im größten Waldgebiet Polens, der Landschaft „Roztocze“ und die nächsten größeren Städte sind dutzende Kilometer entfernt. Drei Kilometer sind es bis zur nächsten Bushaltestelle – wenn man den Feldweg nimmt. Zu kaufen gibt es hier nur Selbstgebrannten („bimber“) und ukrainische Zigaretten bei einer alten Bauernfamilie.

Man kann das Festival auch in seiner sechsten Auflage noch als Geheimtipp bezeichnen. Seit 2011 kommen jedes Jahr einige hundert Menschen zusammen, um im ostpolnischen Nirgendwo gemeinsam zu feiern. Wo sich einst polnische, ukrainische, jüdische und auch deutsche Geschichte kreuzten, scheinen sie zeigen zu wollen, dass es noch das wahre, das multiethnische Europa gibt. Mit ukrainischen Instrumentenbauern, Tänzen polnischer Roma, national und international bekannten Folk-Bands sowie freiwilligen Helfern aus aller Welt begeistert das Festival vor allem polnische Studierende aus den Großstädten. Für ein paar Tage im Juli drehen sie mit Sehnsucht am Rad der Geschichte. Dabei flechten sie sich gegenseitig Blumen ins Haar, bringen sich alte Volkstänze bei oder finden sich spontan zum Musizieren zusammen.

Auch ein Festival für Kinder (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Jakób sitzt in der Mittagshitze im Schatten und spielt das Zymbal. Im Halbkreis sitzen viele Menschen, noch müde von der letzten Nacht, und lauschen. Ob Zymbal, galizische Dudelsäcke oder Drehleier: Viele der hier gespielten Instrumente bekommt man nur selten außerhalb von Museen zu Gesicht. Später liefern sich, unter der Aufsicht Marcins mit seinem Megaphon, dreißig Kinder eine Wasserbombenschlacht. Viele Familien sind mit ihren Kindern angereist. Neben Holzikonen, Stickereien und riesigen Scherenschnitten werden auch Holzspielzeug und Kinderschmuck angeboten. Abends sitzen dann viele Kinder direkt auf der Bühne und schauen großäugig aus nächster Nähe den Bands beim Spielen zu. Wie in vielen anderen Ländern ist es auch in Polen nicht ungewöhnlich, dass alle Generationen zusammen feiern. So gehören neben Folkrock-Bands auch Seniorenchöre und Trachtenkapellen zum Programm des Festivals. Niemand findet diese Mischung hier seltsam. Zum Projekt der kulturellen Vielfalt gehört auch das Miteinander aller Generationen. Dennoch geht es hier sehr subkulturell zu. Wer länger auf dem polnischen Land gelebt hat, wird einen solchen Ort mit praktizierter Mülltrennung, veganen Essständen und Besuchern mit Dreadlocks und Piercings ebenfalls bemerkenswert finden. Und trotzdem gelingt es den Organisatoren mittlerweile, auch hunderte Einheimische aus den umliegenden Dörfern auf das Festival zu locken. Dies ist nicht nur wegen des Charakters des Festivals keineswegs selbstverständlich. Auch der Versuch Marcins und seiner Mitstreiter, mit dem Folkowisko die Geschichte des Dorfs und der Region wiederbeleben zu wollen, reißt alte Gräben wieder auf.

Ein verdrängtes Dorf

Lachend steht Wojtek, der schon seit Jahren als Audiotechniker auf dem Festival arbeitet, im Schlafsaal der Herberge. Er hat einen alten Karabiner von der Wand genommen und sich einen Helm der roten Armee aufgesetzt. Mir drückt er den deutschen Stahlhelm in die Hand, mit Einschussloch. „Los, setz ihn auf!“ 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bringe ich es trotzdem nicht fertig, ihm den Gefallen zu tun. Zu viele Sprüche musste ich mir schon in Polen anhören. Ich stehe zu meinem „deutschen Komplex“, der mir von vielen Polen bescheinigt wird. Die Piotrowskis haben noch mehr Artefakte aus der Kriegszeit in der Gegend gefunden. Von den deutschen Behörden ausgestellte Dokumente oder ein Schild, das vor der nach 1939 gezogenen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion warnt, zum Beispiel. Gorajec steht stellvertretend für die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts in Osteuropa.

Am Rand des damaligen Habsburgerreiches gelegen, gehörte Gorajec bis 1918 einer polonisierten jüdischen Familie, die das Dorf nach der Annektierung Galiziens durch Österreich erwarb. Das Anwesen der Brunickis (einst Brunstein) fiel der Artillerie im ersten Weltkrieg zum Opfer. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg zählte das zu jener Zeit größtenteils ukrainisch bewohnte Dorf 1300 Einwohner. 1941 überschritten die Deutschen ihre mit der Sowjetunion gezogene Demarkationslinie unmittelbar hinter dem Dorf. Während die Deutschen im Osten mit ihrem Vernichtungskrieg beschäftigt waren, fachten ukrainische Nationalisten im so entstandenen Machtvakuum einen grausamen Bürgerkrieg an. Ganze Dörfer wurden ausgerottet und zogen zahlreiche, kaum weniger grausame Racheaktionen polnischer Partisanen gegen ukrainische Ortschaften nach sich. Am 6. April 1945, viele Monate nach dem Ende der Kriegshandlungen in diesem Gebiet, umstellte der militärische Arm des Staatsicherheitsdienstes der neuen Volksrepublik Polen das Dorf. Ziel war es, die hier vermuteten militärischen Strukturen Ukrainischer Nationalisten zu zerstören. Als sie keinen einzigen Kämpfer der UPA (Ukrainische Aufständische Armee) antrafen, ermordeten sie alle noch übrigen Bewohner des Dorfes, darunter dutzende Kinder. Über 150 Menschen fanden so den Tod. Aus den Kriegswirren zurückgekehrte Ukrainer wurden schließlich bei der „Aktion Weichsel“ 1947 entweder gezwungen in die Sowjetunion auszuwandern oder sich in den neuen polnischen Westgebieten anzusiedeln. Heute zählt Gorajec offiziell 140 Einwohner, aber nur die Hälfte wohnt auf dem Gebiet des größtenteils zerstörten Dorfs. Ein großer Teil wohnt in einer viel später errichteten, zwei Kilometer entfernten Siedlung. Dörfer in Osteuropa erzählen oft ganz andere Geschichten als tausend Jahre alte Weiler in Hessen oder Bayern. Und genau solche „Geschichten“ sind es, die die heutigen Bewohner des Dorfes und der Umgebung misstrauisch gegenüber der Initiative der Piotrowskis stimmen.

Cerkiew in Gorajec (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Lange erinnerten an diese Geschichte nur überwucherte Grabsteine mit kyrillischen Inschriften im Wald und die ehemals griechisch-katholische Holzkirche – die älteste ihrer Art in Polen. Erst 2010 wurde von ukrainischen und polnischen Vertretern gemeinsam ein Denkmal eingeweiht. Wie einige wenige neue Gräber, die in den letzten Jahren auf dem wieder freigelegten Friedhof angelegt wurden, wirkt das Denkmal seltsam fremd. In dunkel glänzendem Stein sind hier die Namen aller Opfer des Massakers eingraviert. Der Friedhof wird überwiegend heute durch Freiwillige aus der Ukraine instand gehalten. Sie graben auch regelmäßig weitere Grabsteine, meist in Form massiver Kreuze, aus und restaurieren sie. Auch die Treffen mit den Jugendlichen und Studenten aus der Westukraine wurden maßgeblich vom Verein des Festivals initiiert. Besonders wegen solcher Aktivitäten stießen die Piotrowskis in der Region lange Zeit auf Ablehnung, wie Marcin erzählt. „Man hielt uns und das Festival für ukrainisch. Sogar die lokalen Zeitungen schrieben das.“ Und „ukrainisch“, das bedeutet für die meisten Menschen hier UPA und Massaker. Ein differenzierter Blick auf die Vergangenheit ist verdächtig. Gerade in Osteuropa ist es, vom deutschen Vernichtungskrieg abgesehen, schwierig, die Frontlinien, entlang derer sich die ethnische Homogenisierung vollzog, eindeutig zu kennzeichnen. Vergessen werden darf auch nicht, dass ein großer Teil des heutigen Polens auf die eine oder andere Weise von den massiven Bevölkerungsverschiebungen, Massenmorden, Vertreibungen und nicht zuletzt der Shoah betroffen war. Vielleicht war es auch eine Frage der Identität, auf diesen Trümmern ein neues Gemeinwesen aufzubauen. Und so hat sich bis 2006, bis die Piotrowskis kamen, niemand aus dem Dorf für den überwucherten Friedhof im Wald oder das Massengrab interessiert. Wenn man an die unzähligen Geschichtsvereine in Polen denkt, kann dieses Desinteresse schon etwas verwundern.

Von der Hochzeitsfeier zum Festival

Das Hauptgebäude des Chutor Gorajec in der Abendsonne (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Vor zehn Jahren dann hat Marcin Piotrowski mit Unterstützung seiner Familie das Grundstück mit dem verfallenen Schulgebäude für 20 000 € gekauft und damit eine Menge Hoffnungen für die Zukunft verbunden. Jeden Sommer verbrachte er hier, um das Haus wieder instand zu setzen. Es gab eine funktionierende Tür mit Klinke. Ein Raum hatte noch Strom. Die Toilette ein altes Holzhäuschen im Garten. Die wenigen Wochen Urlaub, die Marcin jedes Jahr zur Verfügung standen, hätten für sein Vorhaben nie ausgereicht. Ohne seine Eltern wäre der Traum dieses Hofs, der zum Zentrum dieser Peripherie wurde, nicht in Erfüllung gegangen. Aber vor zwei Jahren starb Marcins Vater an Krebs. Seit dem Tod des Vaters kümmert sich Marcins Mutter Jola um den Chutor. Jola arbeitet als Polnischlehrerin in einer kleinen Stadt, 30 km entfernt. In Gorajec legt sie fast dieselbe Energie an den Tag wie ihr Sohn. Vor allem in den Sommerferien kümmert sie sich um Gäste des Chutors und bietet Führungen im Cerkiew, der alten ukrainischen Holzkirche gegenüber, an. Von Anfang an unterstützte sie Marcin und seine Frau Marina bei der Organisation des Festivals.

Für Marcin liegt der Ursprung des Festivals in der gemeinsamen Hochzeit mit Marina. 2008 feierte das Paar zusammen mit sechzig Gästen drei Tage lang, begleitet von der Folkband Żmije. Auf der Hochzeit beschloss man, sich zukünftig jedes Jahr zur gleichen Zeit mit den Gästen wieder diesem Ort zu treffen. Dieses Versprechen wurde mit einer Flasche Sekt im Boden vergraben. Mit dem Ausbau des „Chutor Gorajec“ zum kulturellen Zentrum und zur späteren Herberge entschied man sich schließlich dazu, aus diesem Zusammentreffen ein öffentliches Festival zu machen. Geboren 2008, getauft 2011, machte das „Folkowisko“ Gorajec zu einem Ausnahmeort in der polnischen Provinz. „Den Namen haben wir von meinem Onkel geklaut. Der hatte eine ähnliche Idee, aber ein Unwetter machte dem vorbereiteten Fest ein Ende.“ Die Liebe zu Folklore und Traditionsbewahrung liegt bei den Piotrowskis in der Familie. Und später sollte kaum jemand daran zweifeln (die stärksten Zweifel trug Marcin in sich), dass Gorajec der richtige Ort für dieses Festival war.

Frauenchor (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Das erste offizielle Festival verlief noch wenig organisiert und wurde hauptsächlich von Freunden und Bekannten der Familie besucht. Ein Line Up gab es noch nicht, musiziert und gesungen wurde spontan. Der Wasseranschluss war gerade fertig gestellt, bis zum Anschluss an die Kanalisation sollten noch vier Jahre vergehen. Doch bereits die Premiere des Festivals konnte mit der Teilnahme Andrzej Stasiuks aufwarten, einem der national und international einflussreichsten Schriftsteller Polens. Die Teilnahme Stasiuks am Festival garantierte bereits früh dem Festival eine gewisse öffentliche Wahrnehmung, war aber für beide auch programmatisch. Stasiuk, der ca. 100 km entfernt in den Beskiden lebt, ist erklärter Regionalist, der immer wieder auf kritische Distanz zur ‚Verwestlichung‘ Osteuropas geht. Die weitere Geschichte des Folkowisko zeigt auch, dass die Piotrowskis und ihre Freunde die bäuerliche und dörfliche Lebenskultur vom Stigma der Beschränktheit und des Hinterwäldlertums befreien wollten. Und welcher Landstrich in Europa könnte dafür besser geeignet sein, als das untergangene Galizien, in dem sich die Geschichten und Sprachen Mittel- und Osteuropas kreuzten? In diesem Sinn wurde dann die zweite Auflage des Folkowiskos dem jüdischen und die dritte dem ukrainischen Galizien gewidmet. 2016 schaute das Folkowisko über den regionalen Tellerand hinaus und zeigte, dass Regionalismus durchaus mit universellem Anspruch kompatibel ist. „Trzy Galicje“ – Drei Galizien wurde maßgeblich von Iwona Domaszczyńska initiiert. Iwona ist Hispanistin und lebt im spanischen Galicien, einer ebenso randständig gelegenen Provinz mit geringer Bevölkerungsdichte und einem hohen Maß an regionaler Identität. Gorajec wird so zum internationalen Sehnsuchtsort. Tatsächlich leben die wenigsten der Organisatoren auf dem Land, ein Großteil nicht einmal in Polen. Sie gehören, wie auch der größte Teil der Gäste, zur städtischen Bildungselite. Manche von ihnen haben zwar irgendwann vor „aufs Land“ zu ziehen, aber es ist eben nicht das ganze Jahr über Folkowisko.

Geschichte bewahren, Utopien denken

Wenn Marcin über seine Vorstellungen vom Dorfleben spricht, fallen Begriffe wie „Solidarität“, „Gemeinschaft“ und „gegenseitige Unterstützung“. Eine Hoffnung nach einem Ausweg aus dem Hamsterrad der vereinzelten Arbeitskraft. Seit Jahren schon lebt er mit seiner Familie in Irland wie so viele andere Polen auch und arbeitet ohne Pause im Schichtdienst im Lidl und in einer Fabrik – als studierter Soziologe. Mit Marina, seiner einer russischen Familie in Estland entstammenden Frau, zieht er seine Kinder dreisprachig groß und versucht auch im Privaten, seinem multikulturellen Anspruch gerecht zu werden. Als Wirtschaftsmigranten im klassischen Sinne planen Marina und Marcin eines Tages nach Gorajec zurückzukehren, um sich dort mit dem in Irland verdienten Geld eine neue Existenz aufzubauen. Diese mögliche Lebensperspektive haben sie sich mit dem Chutor Gorajec und dem Folkowisko-Verein selbst geschaffen. Mit einer fast grenzenlosen Energie widmet sich Marcin darüber hinaus in der Zeit, in der andere Menschen den dringenden Schlaf benötigen, den Vorbereitungen des Festivals wie auch der polnischen Kulturarbeit in Irland. Als ein Vertreter der polnischen Gemeinschaft in Irland – auch in Irland stellen die Polen die größte Minderheit – traf er schon zum persönlichen Austausch mit dem Staatspräsidenten zusammen. In diesem Jahr wurde er für sein unermüdliches Streben um kulturellen Austausch als „Wybitny Polak“ (Hervorragender Pole) auf der Insel ausgezeichnet.

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Familie Marina und Marcin Sestasvili-Piotrowski (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Wer so schuftet und kämpft, muss große Ziele und Ideale haben. Sein Ziel ist ein Leben in einer Gemeinschaft, in der sich alle helfen. Ohne zu zögern bezeichnet sich Marcin selbst als Linker. Und das in einem Land, in dem ca. 11 % der Wähler bei der letzten Wahl ihre Stimme linken Parteien gaben. Keine davon schaffte es in den Sejm, das polnische Parlament. Linkssein ist in Polen nichts Alltägliches und die Verbrechen der sozialistischen Vergangenheit haben sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Und es gibt kaum einen Polen, der von sich selbst nicht als „Patrioten“ spricht. Auch Marcin fühlt sich als „stolzer Pole“. Für ihn ist die polnische Kultur und Sprache wie jede andere auch einzigartig und schützenswert. „Ich bewundere die Iren für ihren Kampf um Tradition und Sprache.“ Aber er weiß auch um die Schwierigkeiten, alte Traditionen und Bräuche in einer so schnelllebigen Welt zu bewahren. „Natürlich kann man niemanden dazu zwingen“, fügt er hinzu. Und am wichtigsten sei eine „offene Gesellschaft.“ Denn nur in einer solchen können Menschen andere Kulturen kennen lernen und einen gegenseitigen Austausch pflegen.

Hier wird klar, warum das Folkowisko vor allem ein „linkes Festival“ ist, wie Marcin erklärt. Und trotzdem verbinde er mit dem Festival keine politische Botschaft. Es sei eher die derzeitige Regierungspolitik, die das Festival zu einem Antipol gemacht habe. Im Rest Polens müsse man heute vor allem „Gott und Vaterland dienen“. Bei diesen Worten spürt man zum ersten Mal einen Hauch Resignation. Vielleicht ist es zu aussichtslos, von Politik in der Gegenwart zu reden. Vielleicht hilft auch der Rückgriff auf die Geschichte, um sich einem besseren Leben zu nähern. Der Verein des Folkowiskos will die Geschichten aller bewahren, auch derjenigen, die in Vergessenheit geraten sind. Neben den Juden und Ukrainern in dieser Gegend sind dies auch die vielen kleinen slawischen Volksgruppen im Süden Polens und in den Bergen der Ukraine und der Slowakei. Sie heißen Lemken, Goralen, Bojken, Huzulen. Wer sich nicht zum Polentum bekannte, wurde 1947 bei der Akcja Wisła (Aktion Weichsel) zwangsweise umgesiedelt. Zurück blieben verlassene Häuser, Kirchen, Friedhöfe.

„Steine können keine Geschichte wiedergeben. Das können nur lebende Menschen.“ Deshalb will Marcin alte Bräuche erhalten oder wiederbeleben. Auf dem Folkowisko kann man in Workshops Volkstänze, Regionalsprachen, Lieder und Handwerk lernen. Anders als im postmodernen Westeuropa spielt hier die Authentizität keine Rolle. Wo so viel verloren ging, sollte jeder das Recht haben, sich Kultur und Folklore anzueignen, so die Botschaft. Denn nur auf diese Weise können Traditionen, die vom Verschwinden bedroht sind, bewahrt werden. Und diejenigen, die doch nicht ohne Rechtfertigung auskommen, verweisen dann eben darauf, dass nur wenige Generationen zuvor sämtliche Vorfahren aus allen möglichen Ländern stammten. Mit einem kleinen Trick kann sich jeder seine Wunschidentität auswählen und der Spagat zwischen spätkapitalistischer Moderne und bäuerlicher Volkskultur gelingt. Damit werden auch in den nächsten Jahren vor allem Angehörige der großstädtischen Intelligenz aufs Folkowisko pilgern. Denjenigen vom Land, die sich ihrer Identität dagegen sehr sicher sind, liegt wenig am interkulturellen Austausch. Und wer warum in den Gräbern im Wald liegt, wollen sie auch nicht wissen.

Spontane Streich- Jam Session (© Stowarzyszenie Folkowisko)

Doch zumindest in Gorajec hat die von den Piotrowskis gestiftete Unruhe Wirkung gezeigt. Das ukrainisch-polnische Denkmal für die Opfer des Massakers wäre ohne die Arbeit der Familie undenkbar gewesen. Und am Ende ist es, wie Marcin bestätigt, vor allem Geld, das alte Gräben überwinden lässt. Gorajec und das Folkowisko haben sich in den letzten Jahren zu einem überregional bekannten Tourismusziel entwickelt. Budenbesitzer hoffen auf Einnahmen, die Gemeinde Cieszanów auf mehr Fördergelder. Und Marcin will schon jetzt, bei 2000 Gästen, die das Festival im Lauf der vier Tage in diesem Jahr besuchten, die Reißleine ziehen. Er hat Angst vor einer Kommerzialisierung und will keine Massenveranstaltung. Deshalb denkt er schon über eine Limitierung der Tickets, verbunden mit einer Art Bewerbung, nach. „Das Folkowisko lebt von allen Teilnehmern“, so Marcin. Wenn also die Ticketanzahl begrenzt werden soll, dann durch ein Auswahlverfahren, das eine aktive Teilnahme verspricht. Bis jetzt sind das nur spontane Ideen. Aber Marcin braucht nicht lange, um Ideen in die Tat umzusetzen. Weil ihm die Früchte seines Traums zu groß geworden sind, will er anfangen, diesen zu beschneiden. Noch dreht Marcin mit allen internationalen Besuchern kurze Werbeclips für das Festival in deren Sprache, aber vielleicht verzichten die Familie und ihre Mitstreiter bald auf jede Öffentlichkeitsarbeit und ich muss womöglich diese Reportage löschen. Dann könnte das Festival weiter ein Geheimtipp bleiben.